02.03.2010

Zeitungsartikel:

Nach der Aufklärung der Mischelbacher Brandserie

Psychiatrisches Gutachten angefordert

Derzeit befindet sich die 28-jährige mutmaßliche Brandstifterin in stationärer Behandlung - Zweiter potetieller Brandstifter ist entlastet

  MISCHELBACH - Die mutmaßliche Brandstifterin von Mischelbach, die die Kripo Ansbach jetzt ermittelt hat, konnte sich offensichtlich so lange unverdächtig bewegen, weil sie mit dem Geschädigten verheiratet ist und von daher keinen Verdacht erweckte. Keiner in dem kleinen Ort hätte gedacht, dass die Brandstifterin ausgerechnet die 28-jährige Ehefrau des Landwirts ist, auf dessen Hof es insgesamt dreimal seit August gebrannt hatte. Während der Brände habe sie mehrfach dabeigestanden. Ein Täterprofil, das offensichtlich sowohl psychologisch als auch kriminalistisch fast schon klassisch ist. Wie viele andere Tatumstände auch.

  In Mischelbach gilt das Mitgefühl der Ortsteilbewohner derzeit dem geschädigten Landwirt. Niemand, so heißt es in dem 300-Seelen-Ort, habe damit gerechnet, dass die 28-jährige Ehefrau hinter den Bränden stecken könnte. Laut Staatsanwältin Dr. Gudrun Lehnberger hatte die junge Frau gleich bei den polizeilichen Vernehmungen ein umfassendes Geständnis abgelegt und alle fünf Brände eingeräumt, die sich in Mischelbach zwischen dem 26. August 2009 und 25. Febraur 2010 ereignet hatten. Weil die Mischelbacherin Täterwissen besitzt, geht die Staatsanwaltschaft davon aus, dass das Geständnis auch glaubhaft ist.

In psychiatrischer Behandlung

  Derzeit befindet sich die Frau in stationärer psychiatrischer Behandlung, sodass von ihr keine weitere Gefahr ausgehen könne, sagte Lehnberger unserer Zeitung. Ein psychiatrisches Gutachten des Landgerichtsarztes muss indes noch klären, inwieweit die mutmaßliche Brandstifterin verurteilt werden kann oder ob sie eventuell in Sicherungsverwahrung kommt, sofern sie allgemeingefährlich eingestuft wird.

  Der zweite mutmaßliche Brandstifter von Mischelbach, der bereits vier Monate lang in U-Haft saß, ist durch das Geständnis der 28-Jährigen dagegen zumidnest für die fünf Brände in Mischelbach entlastet, sagte Lehnberger. Derzeit müsse noch geprüft werden, inwieweit die Ermittlungen für die Brände in Holzingen und Ellingen im August 2009 ausreichend für einen Tatnachweis gegen den Mann seien. Hier habe die Staatsanwaltschaft Ansbach Lehnberger zufolge allerdings noch keine Entscheidung getroffen.

  Die Staatsanwältin deutete auch an, wie die Ermittler letztlich auf die 28-Jährige als Brandstifterin gekommen sind: Zum einen habe die Häufung der Brände auf dem eigenen Hof und zum anderen die erforderliche Ortskenntnis den Verdacht erhärtet. Laut Lehnberger machte die mutmaßliche Brandstifterin auch Angaben zu ihren Motiven, die die Ansbacher Staatsanwältin aber mit Hinweis auf den Persönlichkeitsschutz nicht öffentlich machen wollte.

  Die Fachliteratur geht jedoch im Wesentlichen von zwei Tätertypen aus, die als Brandstifter in Frage kommen: den funktionsorientierten Täter, der mit dem Feuer einen Schaden anrichten will und deshalb eine vorsätzliche Brandstiftung begeht, und den feuersüchtigen Täter, der aus “triebhafter Bedüfnisbefriedigung heraus handelt und dem es um das Flammen-Spektakel geht.

Mehr Männer als Brandstifter

  Statistisch gesehen sind Brandstifter mehrheitlich männlich: Von 1 524 bayernweit ermittelten Tatverdächtigen waren 76,2 Prozent im Jahr 2008 Männer. Über 66 Prozent aller Fälle wurde laut Kriminalstatistik 2008 aufgeklärt. Über die Motive schweigt sich die Kriminalstatistik dagegen aus. Dafür gibt es aber inzwischen psychologisch und psychiatrisch fundierte Fakten, aus welchen Motiven heraus die Täter vorsätzlich Feuer legen. “Das häufigste Motiv im Rahmen der erfassten und gerichtspsychiatrisch begutachtenbaren Brandstifter ist Frustration, also letztlich ein aggressiver Beweggrund, jedoch selten Rache. An zweiter Stelle steht die Faszination für Feuer und die damit zusammenhängende Brand-Situation”, weiß Professor Dr. Volker Faust. Der Ravensburger Psychiater hat sich an der Universität Ulm lange Zeit mit dem Phänomen der Brandstiftung wissenschaftlich auseinandergesetzt.

  “An dritter Stelle”, hat der Neurologe herausgefunden, “folgt eine Kombination aus Frustration und Faszination”. Seltener sind dagegen suizidale Absichten oder wahninduzierte Brandlegungen. Professor Faust zufolge stünden in zwei Dritteln aller Brandstiftungen bei den Diagnosen Persönlichkeitsstörungen an erster Stelle.

  Und noch zwei Auffälligkeiten hat der Wissenschaftler bei seinen Untersuchungen entdeckt, die auch auf die Brandserie in Mischelbach zutreffen: “Die Mehrheit der Brandstifter kommt vom Land. Der Altersschwerpunkt liegt im ersten Lebensdrittel.” Generell müsse man aber mit Aussagen zu Motiven von Brandstiftern vorsichtig sein, so Faust: “Nur jede zehnte Brandstiftung gibt verwertbare Hinweise auf die Persönlichkeitsstruktur.”

(Artikel von MARKUS STEINER aus dem Weißenburger Tagblatt vom 02. März 2010, Lokalteil S. 1)


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