Die junge Brandstifterin aus Mischelbach

Die Suche nach einer Erklärung

Gerichtsverhandlung offenbart das Bild einer verzweifelten und hilflosen Frau - Sie überführte sich selbst

  NÜRNBERG/MISCHELBACH - Dreimal ging sie in den eigenen Stall. Dreimal wollte sie das Gebäude in Flammen aufgehen sehen. Ist die 28-jährige Mischelbacherin, die nun in Nürnberg vor Gericht steht, ein Feuerteufel? Die Verhandlung zeichnete ein anderes Bild. Eine junge Frau, früh verheiratet, und schnell alleingelassen. Überfordert, verzeifelt und am Ende hilflos. Der Versuch einer Erklärung.

Massig sitzt sie auf der Anklagebank. Das Gesicht nach unten gerichtet, erzählt sie. Die 28-Jährige versucht der Richterin zu erklären, wie es dazu kam, dass aus ihr eine Brandstifterin wurde. Es ergibt sich das Bild einer einsamen, überforderten Frau, die mit dem Leben auf dem Bauernhof an der Seite eines nicht böswilligen, aber rüpeligen Mannes nicht zurechtkam. Die Flammen ein Hilferuf.

Margit C. ist eine einfache Frau, der man eine komplexe Lüge nicht zutraut. Kaum vorstellbar, dass sie die Kriminalpolizei über Monate hinweg narren konnte. Nur möglich, weil keiner auf die Idee kam, dass die unscheinbare Bäuerin etwas mit den Bränden zu tun haben könnte. Still stand sie neben sich, während die Feuerwehr den Stall löschte. Fragen unterband ihr Mann barsch: “Der Bauer bin ich”, ließ er Journalisten wissen. Am Ende überführte sich Margit C. selbst.

Geständnis im Polizeiauto

Im Dezember sperrte sie einem Kripobeamten die Stalltür auf, obwohl sie zuvor die beiden einzigen Schlüssel zum Stall als gestohlen gemeldet hatte. Die junge Frau geriet unter Verdacht. Beim nächsten Brand im Februar machte die Polizei Druck auf sie, nahm sie zur Zeugenvernehmung mit nach Ansbach. Bereits im Auto gestand sie die drei Brandstiftungen auf dem eigenen Hof.

Über die vier Jahre der gemeinsamen Ehe mit dem 14 Jahre älteren Mann hatte sich der Frust angestaut. “Der kann arbeiten wie ein Ochse”,ist das Erste, was Bekannten zu dem Mischelbacher Bauern einfällt. Ein Vollzeitjob im Schichtbetrieb und nebenbei der Hof. Wohl zu viel, vielleicht nicht für den “Ochsen”, sicher aber dür die junge Frau. “So stark ist sie nicht. Sie wirkt äußerlich robust, aber innen ist sie ein ganz feiner Mensch, die Margit”, sagt die Mutter. Vielleicht habe der Bauer ihr zu viel zugemutet. Schimpfen will sie nicht über ihn: “Zu mir war er immer korrekt.”

“Des machst du schon, du bist doch meine Große.” Immer wieder fällt im Gerichtssaal dieser Satz, mit dem der Bauer Margit C.s Hilferufe nach mehr Unterstützung abbügelte. Gegen den Bauern kam sie nicht an und griff schließlich zum Feuerzeug. “Ich wollte, dass er auch mal spürt, wie das ist, wenn einer dauernd an einem rumnörgelt, und net einmal einer sagt: Das hast gut g′macht, ich hab′ dich lieb.” Man hat nicht den Eindruck, dass die Mischelbacherin viel erwartet hätte, ein paar gute Worte mehr, ein wenig mehr Verständnis und Hilfe - auf dem Hof hätte es vermutlich nie gebrannt.

Es hat aber gebrannt, und nicht nur einmal. So tragisch es klingt, aber Margit C.s Feuer hatte Erfolg - zumindest einmal. “Wir haben miteinander alles gemeinsam gemacht. Da gab′s kein: ‘Des machst du’ ”, erzählt sie von der Zeit nach dem Stallbrand. Das Ehepaar rückte in der Krise zusammen. Die 28-Jährige war zufrieden. Ein bisschen Gemeinsamkeit, mehr erwartete sie nicht vom Leben.

Auf Dauer gestand ihr das Leben die aber nicht zu. Der Stall auf dem heimischen Hof wurde provisorisch wieder aufgebaut. Der Mann zog sich erneut zurück, alles war noch schwerer. Das Fass war fast wieder voll. Nur einen Tropfen brauchte es noch. Der Mann schüttete gleich einen ganzen Kübel hinein. Margit C. musste nach dem Tritt einer Kuh mit einer schweren Rippenprellung ins Krankenhaus. Er besuchte sie kaum, reagierte genervt, als er ihr Unterwäsche und Waschzeug vorbeibringen sollte. Vielleicht war auch ihm die Doppelbelastung aus Arbeit und Landwirtschaft zu viel.

Entscheidung in der Kirche

Margit C. entließ sich auf eigenes Risiko frühzeitig. Sie kehrte nach Hause zurück, damit ihr Mann zu einer kleineren Operation ins Krankenhaus konnte. “Ich habe ihn jeden Tag besucht und mit ihm telefoniert”, sagt sie vor Gericht und beginnt aufzuzählen, wann sie wie lange im Krankenhaus war. Den Entschluss für Brand Nummer II fasste sie am Totensonntag in der Kirche in St. Veit und dem Pleinfelder Friedhof. “Alle haben mich gefragt, wie geht′s denn dem Franz (Name geändert). Mich hat keiner gefragt, wie′s mir geht, dabei war ich doch auch im Krankenhaus.” Am Nachmittag brannte wieder die Scheune.

An der Situation änderte sich diesmal nichts. Margit C. blieb frustriert. Als sie dann eines Morgens im November um 3.15 Uhr den Wecker nicht hörte, verschlief und ihr Mann sie zusammenstauchte, war es wieder so weit. Das Feuerzeug sollte sich am Bauern rächen.

Stattdessen kam ihr die Kriminalpolizei auf die Spur. Sie gestand freiwillig, dem inneren Durck hielt sie nicht mehr länger stand. Ohne ihr Geständnis hätte die Polizei ihr die Brände vermutlich niemals nachweisen können. Für Margit C. war es ein Segen, wer weiß, ob sie in der nächsten Verzweiflung nicht ans eigene Wohnhaus gegangen wäre. Spekulation. Für die junge Frau war es ein Ende mit Schrecken, das unter den Schrecken ohne Ende immerhin einen Schlussstrich zog.

(Artikel von JAN STEPHAN aus dem Weißenburger Tagblatt vom 17./18.07.2010, Lokalteil S. 1)